* 37 *
»Setz dich dort hin!«, blaffte Königin Etheldredda Jenna an und deutete auf einen kleinen, unbequemen goldenen Stuhl. Der Stuhl stand neben ihrem dick gepolsterten Thron, der die Tafel am Kopf oben auf dem Podium des Bankettsaals beherrschte. Königin Etheldredda war keine großzügige Gastgeberin und gab möglichst wenig Bankette. Sie sah in ihnen nur eine Verschwendung von gutem Essen und kostbarer Zeit, aber manchmal musste es eben sein. Die Königin war überrascht gewesen, wie schnell sich die Nachricht von der Rückkehr der ertrunkenen Prinzessin herumgesprochen hatte, und nicht nur im Palast, sondern überall in der Burg. Doch zusammen mit dieser Neuigkeit machte ein Gerücht die Runde, das der Ritter des Tages in die Welt gesetzt hatte und das sich in bedenklicher Weise verstärkte. So wurde gemunkelt, dass die Königin über die Rückkehr ihrer Tochter verärgert sei und die Ärmste eingesperrt habe. Und schlimmer noch: dass jeder, der ihr Gesicht gesehen habe, als sie die ertrunken Geglaubte erblickte, hätte meinen können, sie habe ihrer Tochter den Tod gewünscht. Oder, und dies wurde nur geflüstert – und erst, nachdem man sich gründlich nach möglichen Lauschern umgeschaut hatte –, dass die Königin ihr Kind eigenhändig ertränkt habe. Diese Mitteilung wurde von Rufen des Erstaunens und Entsetzens begleitet und weckte den brennenden Wunsch, jemand anderen zu finden, dem man die Neuigkeit erzählen konnte, um sich noch einmal am Erstaunen und Entsetzen zu weiden.
Das Gerücht ging wie ein Lauffeuer durch die Burg, und am Abend wusste Königin Etheldredda, dass sie schleunigst etwas unternehmen musste. Und so wurden die Palastschreiber angewiesen, Einladungen zu schreiben für ein
der wohlbehaltenen Rückkehr
unserer geliebten Tochter,
Prinzessin Esmeralda.
Eigene Teller mitbringen.
Die eilends zusammengerufenen Gäste versammelten sich vor der großen Tür zum Ballsaal, dem größten Raum im Palast, in dem alle Bankette stattfanden. Jenna saß auf dem wackligen goldenen Stuhl und ließ nervös den Blick durch den Saal wandern. Sie schüttelte den Kopf, um das merkwürdige Gefühl loszuwerden, das sie seit dem Sprung durch den Spiegel hatte, nämlich das Gefühl, dass sie zu Hause in ihrer eigenen Zeit sei und gerade einen von Silas’ großen Streichen erlebe. Liebevoll dachte sie an ihren sechsten Geburtstag: Als sie morgens aufwachte, befand sie sich an Bord eines Schiffes, das, wie ihr Silas erklärte, auf der Fahrt zur Geburtstagsinsel sei. Das ganze Zimmer sah aus wie das Innere eines außerordentlich unordentlichen Schiffs. Ihre Brüder waren als Piraten und Sarah war als Schiffskoch verkleidet. Irgendwann rief Simon »Land ahoi«, und alle kletterten an einer Strickleiter, die aus dem Fenster hing, halsbrecherisch in ein richtiges Boot, dass unten auf dem Fluss auf sie wartete und sie stromaufwärts zu einer kleinen Sandbank brachte, auf der Jenna eine Schatzkiste mit ihrem Geburtstagsgeschenk darin entdeckte.
Jenna schielte verstohlen zur Königin. Nein, dachte sie voller Wehmut, sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Mutter der armen Esmeralda und der kleinen Prinzessinnen einen Schiffskoch spielte, und sei es nur für einen Tag. Anscheinend war es ihr schon zuviel, so zu tun, als habe sie ihre Tochter gern. Jenna drehte sich um und warf Sir Hereward einen heimlichen Blick zu. Sie fühlte sich gleich wohler, als sie den alten Geist hinter sich Wache stehen sah. Er fing ihren Blick auf und zwinkerte ihr zu.
Jenna beobachtete, wie Königin Etheldredda ihren Platz auf dem Thron einnahm. Kerzengerade, als hätte sie einen Stock verschluckt, und vorsichtig, als könnte auf dem Sitz eine böse Überraschung lauern, sank sie auf den üppig vergoldeten Stuhl, der mit dunkelrotem Samt gepolstert und über und über mit Edelsteinen besetzt war. Der Aie-Aie kroch unter den Thron, wickelte seinen Schwanz um ein geschnitztes Stuhlbein, beobachtete die leckeren Waden, die vorbeikamen, und ließ dabei seinen Zahn vor- und zurückschnappen. Die veilchenblauen Augen der Königin blickten kalt und verkniffen zu der großen Tür am Ende des Ballsaals, die noch geschlossen war, obwohl der Stimmenlärm dahinter stetig anschwoll. Jenna warf erneut einen unauffälligen Blick auf Etheldredda. Die Königin sah ihrem Geist erstaunlich ähnlich: dieselben stahlgrauen Zöpfe, die wie Schnecken über die Ohren gelegt waren, und dieselbe spitze Nase, mit der sie auf die vertraute, missbilligende Art in der Luft schnupperte. Der einzige Unterschied war, dass die lebende Etheldredda nach alten Socken und Mottenkugeln roch. Plötzlich schrillte die unvergessliche Stimme: »Lasset den Pöbel herein!«
Zwei kleine Jungen, die Türpagen des Abends, die schon längst im Bett sein müssten, rannten los, drückten die goldenen Klinken und öffneten gleichzeitig die beiden Türflügel, so wie sie es unter den gestrengen Augen des Königlichen Türhüters in den vergangenen vier Stunden geübt hatten.
Eine äußerst ausgefallene und elegant herausgeputzte Schar von Menschen strömte, immer zwei und zwei, in den Saal, und jeder hielt einen Teller in der Hand. Sowie ein Paar durch die Tür kam, richtete es die Augen auf die zurückgekehrte Prinzessin, und obwohl es Jenna von ihren Spaziergängen in der Burg in ihrer Zeit gewöhnt war, angestarrt zu werden, wurde sie immer verlegener. Sie lief knallrot an und fragte sich ununterbrochen, ob jemand merken würde, dass sie gar nicht Esmeralda war.
Doch niemand merkte es. Ein paar Leute fanden, dass Esmeralda viel gesünder aussah und einen glücklicheren Eindruck machte, was insofern nicht überraschte, als sie längere Zeit von ihrer Mutter getrennt gewesen war. Ihr Gesicht wirkte nicht mehr so abgespannt, und der sorgenvolle Blick war verschwunden. Außerdem war sie fülliger geworden und machte nicht mehr den Eindruck, als könnte sie ein, zwei kräftige Mahlzeiten mehr vertragen.
Dafür dass die Einladungen so kurzfristig verschickt worden waren, hatte Königin Etheldredda eine eindrucksvolle Gästeschar zusammenbekommen. Alle trugen ihre allerbesten Kleider. Die einfachen Leute hatten ihre Hochzeitsanzüge und -kleider angezogen, und die Gebildeteren, insbesondere die Gewöhnlichen Zauberer und die Alchimisten, ihre mit Pelz besetzten und mit bunten Seidenstickereien geschmückten Festgewänder. Die Höflinge und Hofbeamten stolzierten, die Nasen hochmütig in die Luft gestreckt, in ihren Amtsroben durch die Ballsaaltür. Sie waren aus dunkelgrauem, rot eingefasstem Samt geschneidert und mit langen goldenen Bändern geschmückt, die von den Ärmeln hingen und deren Zahl und Länge von der Stellung des Beamten abhing. Die Bänder an den Roben der wichtigen Beamten reichten bis zum Boden, und die Bänder an den Roben der hochwichtigen Beamten schleiften am Boden, sodass häufig – versehentlich absichtlich – darauf getreten wurde. Nicht selten sah man ein langes goldenes Band einsam in den Palastkorridoren liegen, und so mancher Beamte hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, Ersatzbänder bei sich zu tragen, denn die Zahl der Bänder an den Ärmeln war von kolossaler Bedeutung, und für einen Fünf-Bänder-Beamten ging es einfach nicht an, nur mit vieren oder – Gott bewahre! – dreien gesehen zu werden.
Jenna sah zu, wie die festlich gekleideten Gäste hereinströmten und ihre Plätze an den drei Tafeln suchten, die sich über die ganze Länge des Saals erstreckten. Nach langem und aufgeregtem Hin und Her, bei dem auf etliche Bänder getreten wurde, saßen schließlich alle an ihrem Platz. Ein kleiner Page wurde vom Truchsess aufs Podium geschubst. Der Junge rannte aufgeregt zur Mitte, stellte sich auf seinen Platz vor der Königin und läutete eine Tischglocke. Das Bimmeln sorgte augenblicklich für Ruhe. Alle stellten mitten im Satz ihr Geplauder ein und blickten erwartungsvoll zu Königin Etheldredda.
»Willkommen zu diesem Festmahl«, tönte Etheldreddas Stimme durch den Saal wie das Kratzen von Fingernägeln auf einer Tafel. Einige Gäste zuckten zusammen, andere fuhren sich mit den Fingernägeln über die Schneidezähne, um das unangenehme Gefühl loszuwerden. »Zur Feier der gesunden Rückkehr meiner teuren Tochter, Prinzessin Esmeralda, die wir alle unglücklich ertrunken wähneten und die von ihrer lieben Mama tief betrauert und nun mit größter Freud und mütterlicher Zuneigung aufgenommen ward. Seit ihrer Rückkehr haben wir kein Aug voneinander lassen können, nicht wahr, mein Lieblingskind?« Königin Etheldredda trat ihr unter dem Tisch kräftig gegen das Schienbein.
»Autsch!«, stieß Jenna hervor.
»Nicht wahr, mein Lieblingskind?« Etheldredda durchbohrte Jenna mit ihrem Blick und zischte leise: »Antworte Nein, Mama, du kleine Närrin, sonst kannst du was erleben.«
Jenna, auf die jetzt alle Augen gerichtet waren, wagte es nicht, sich zu widersetzen. »Nein, Mama«, murmelte sie beleidigt.
»Wie war das, meine Teuerste?«, fragte Königin Etheldredda zuckersüß, aber mit eisigem Blick. »Was sagtest du?«
Jenna holte tief Luft und antwortete laut: »Nein, Mama. Denn dein Anblick ist... unvergesslich.« Und schon in der nächsten Sekunde bereute sie es, denn mit ihrem fremdartigen Akzent und ihrer komischen Art zu sprechen zog sie wieder alle Blicke auf sich. Doch Königin Etheldredda, die es sich angewöhnt hatte, nie hinzuhören, wenn Prinzessin Esmeralda etwas sagte, bemerkte anscheinend nichts. Es langweilte sie bereits, sich länger mit der verflixten Esmeralda zu beschäftigen, als sie es je zuvor getan hatte, und so erhob sie sich.
Unter lautem Stuhlrücken standen alle Gäste im Ballsaal auf und wandten die Blicke von der sonderbaren Esmeralda ab und ehrerbietig der vertrauteren Königin zu.
»Möge das Bankett beginnen!«, befahl die Königin.
»Möge das Bankett beginnen!«, erwiderten die Gäste und nahmen wieder Platz, nachdem sie sich vergewissert hatten, dass die Königin bereits saß. Abermals erhob sich erwartungsfrohes Gemurmel.
Der Gedanke, sich mit Königin Etheldredda unterhalten zu müssen, hatte Jenna beunruhigt, doch ihre Sorge erwies sich als unbegründet, denn die Königin sah im weiteren Verlauf des Banketts kein einziges Mal in ihre Richtung. Stattdessen widmete sie ihre Aufmerksamkeit ganz dem dunkelhaarigen jungen Mann, der zu ihrer Linken saß. Der Mann trug nicht das königliche Rot, wie Jenna auffiel, sondern ein auffallendes rot-schwarzes Gewand, das mit beeindruckend viel Gold geschmückt war. Er warf Jenna immer wieder verstörte Blicke zu, wollte offenbar aber nichts sagen, weil Königin Etheldredda zwischen ihnen saß. Da Jenna sonst nichts zu tun hatte – denn Blasius Schmalzfass, der zu ihrer Rechten saß, folgte dem Beispiel der Königin und behandelte sie wie Luft –, lauschte sie der erbittert geführten Unterhaltung zwischen Etheldredda und dem jungen Mann, der die Königin, wie sie verwundert zur Kenntnis nahm, mit »Mama« anredete.
Ein Gong ertönte.
Erwartungsvolle Stille legte sich über die hungrige Schar der Gäste. Der Gong kündigte den ersten von fünfzehn Gängen an. Man leckte sich die Lippen, schüttelte seine Serviette aus und klemmte sie sich, fast wie ein Mann, unters Kinn. Die kleinen Türpagen öffneten die Flügeltür, und in zwei langen Reihen strömten Serviermädchen herein, von denen jedes zwei kleine Silberschalen trug. Einmal im Saal, verteilten sich die Mädchen auf die drei Tafeln. Wie eine graue Welle überschwemmten sie den Saal und stellten vor jeden Gast eine Schüssel hin. Die beiden letzten, die den Saal betraten, steuerten auf das Podium zu, und bald hatte auch Jenna eine kleine silberne Schale vor sich stehen.
Neugierig blickte sie in die Schale und hielt vor Schreck den Atem an. In einer dünnen braunen Brühe lag, noch so klein wie frisch aus dem Ei geschlüpft, ein junges Entlein. Es war gerupft und in Wein mariniert worden, und sein kleiner, nackter Körper war in sich zusammengesackt. Sein Kopf ruhte auf einem kleinen Rand, der aus der eigentümlichen Entleinschale hervorstand, und sah Jenna aus entsetzten Augen an. Es war noch am Leben. Es fehlte nicht viel, und Jenna hätte sich auf der Stelle übergeben.
Königin Etheldredda hingegen frohlockte beim Anblick ihres Entleins. Sie leckte sich die Lippen und gestand dem jungen Mann zu ihrer Linken, dass dies eine ihrer Leibspeisen sei – es gehe doch nichts über ein zartes Entlein, frisch mit heißer Orangensoße überbrüht.
Der Gong ertönte zum zweiten Mal, und diesmal kündigte er das Kommen einer langen Reihe von Jungen an, die Schüsseln mit kochend heißer Soße trugen. Jenna beobachtete, wie sie paarweise den Saal betraten und dann der eine nach rechts, der andere nach links abbog. Jeder blieb bei einem Gast stehen und goss Soße in dessen wartende Schale. Die beiden Jungen am Ende der Schlange mit den heißesten Soßenschüsseln wurden schnurstracks aufs Podium geschickt. Geschwind, und noch bevor der Soßenjunge bei ihr war, klaubte Jenna das Entlein aus ihrer Schale und schob es in die Tasche ihres Gewands, auf dessen flaumigen Boden das kleine Geschöpf starr vor Angst liegen blieb.
Jenna beobachtete, wie sich die Jungen durch die Menge schlängelten. Die Augen auf die randvollen Schüsseln gerichtet, um ja nichts von der Soße zu verschütten, erklommen sie das Podium, und ein stämmiger Lakai zischte ihnen ins Ohr: »Trödelet nicht und bedienet die Königin und Prinzessin Esmeralda zuvörderst.« Und so kam es, dass Jenna, als sie aufschaute und dem Jungen, der soeben Orangensoße in ihre entleinfreie Schüssel gegossen hatte, höflich dankte, in die gehetzten Augen von Septimus Heap blickte.
Jenna sah weg. Sie konnte es nicht glauben. Der Junge hatte lange zottelige Haare, war schmal im Gesicht und etwas größer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Er konnte unmöglich Septimus sein. Nicht in tausend Jahren.
Septimus für seinen Teil hatte erwartet, Prinzessin Esmeralda zu sehen – und deshalb sah er auch Esmeralda. Er ärgerte sich über sich selbst, weil er sie ein paar Sekunden lang für Jenna hielt. Er hatte sich schon einmal täuschen lassen, als Prinzessin Esmeralda bei Marcellus gewohnt hatte, kurz vor ihrem Verschwinden. Das sollte ihm nicht noch einmal passieren. Vorsichtig goss er die Orangensoße in ihre Schüssel, dankbar, dass kein lebendes Entlein darin saß.
Plötzlich ertönte ein lautes Klirren, und ein mehrstimmiger Ruf des Entsetzens mischte sich unter das fröhliche Stimmengewirr aus dem Saal. Beim Anblick des Entchens in Königin Etheldreddas Schale hatte Hugo die Soßenschüssel fallenlassen und der Königin die kochend heiße Orangensoße über den Schoß geschüttet. Etheldredda fuhr kreischend in die Höhe. Blasius Schmalzfass stieß seinen Stuhl zurück, packte Hugo am Hals, riss ihn vom Boden hoch und würgte ihn. »Dummer Lümmel!«, brüllte Schmalzfass. »Dafür wird er büßen. Das soll ihn reuen bis an sein Lebensend – und selbiges ist nicht mehr fern, Bürschlein.«
Hugos Augen weiteten sich vor Angst. Er zappelte hilflos im Griff des Blasius Schmalzfass, dessen Wurstfinger seinen Hals umklammerten. Seine Lippen liefen blau an, und er verdrehte die Augen, bis fast nur noch das Weiße zu sehen war. Da sprang Septimus vor, zerrte mit ungeahnter Kraft an Hugo und schrie: »Lass ihn los, du fettes Scheusal!« Seine Stimme schallte durch den Saal und bewirkte mehr, als er beabsichtigt hatte.
Jenna sprang von ihrem Stuhl auf. Sie hatte ebenso entsetzt wie Septimus zugesehen, wie der Truchsess Hugo würgte, und jetzt hatte sie Gewissheit. Es war Septimus – es war seine Stimme. Sie würde seine Stimme überall erkennen. Er war es!
Zur gleichen Zeit sprang auch der junge Mann auf, der auf der anderen Seite der Königin saß. Auch er erkannte die Stimme seines Lehrlings. Was machte der Junge hier, verkleidet als Palastdiener?
Jenna und Marcellus Pye stießen in dem Gedränge auf dem Podium zusammen. Marcellus rutschte in der Pfütze Orangensoße aus und plumpste zu Boden. Blasius Schmalzfass verlor das Handgemenge mit Septimus und ließ Hugo los, der, einer Ohnmacht nahe, ebenfalls zu Boden sackte. Die von Orangensoße triefende Königin nutzte die Gelegenheit und schlug nach dem Jungen. Sie verfehlte ihn und traf stattdessen Blasius Schmalzfass am Ohr, und zwar so, dass es wehtat. Schmalzfass, der von Natur aus ein gewalttätiger Mensch war, schlug automatisch zurück und verpasste Etheldredda eine Ohrfeige – sehr zur Freude der Bankettgäste, die, ihre Entlein auf halbem Wege zu den aufgesperrten Mündern, gebannt zusahen.
Da begriff Blasius Schmalzfass, was er getan hatte, und wurde ganz weiß, dann aschgrau im Gesicht. Er raffte seine soßenverspritzte Robe hoch und suchte, Tische umwerfend, das Weite, wobei die zehn kostbaren goldenen Bänder hinter ihm herflatterten. Die Türpagen sahen ihn kommen, und im Glauben, dies geschehe bei jedem Bankett, öffneten sie dem flüchtenden Schmalzfass feierlich die Tür und verbeugten sich, als er vorbeischoss. Als sie die Tür wieder schlossen, grinsten sie einander an. Niemand hatte ihnen erzählt, dass es bei einem Bankett so lustig zuging.
Septimus hielt mit der einen Hand den benommenen Hugo fest und packte mit der anderen Jenna. »Das bist doch du, Jenna, nicht?«, fragte er, und seine Augen leuchteten vor Erregung. Ein wunderbares Gefühl der Hoffnung und des Glücks überkam ihn. Jenna wiederzusehen war für ihn so, als habe man ihm seine Zukunft zurückgegeben.
»Ja, ich bin es, Sep. Aber ich kann nicht glauben, dass du es bist!«
»Marcia hat meinen Brief gefunden, stimmt’s?«
»Was für einen Brief? Komm, verschwinden wir von hier, solange wir noch können.«
Niemand bemerkte, wie sich die beiden Servierjungen und Prinzessin Esmeralda aus dem Getümmel davonstahlen. Zurück blieben ein aufgeregter Schwärm von Palastdienern und eine wutentbrannte Etheldredda, die Marcellus anbrüllte, er solle »sofort aufstehen«. Unter dem tumultartigen Lärm im Ballsaal schlichen sie auf Zehenspitzen durch die kleine Tür in der Wandverkleidung hinter dem Podium, die zum Ruheraum für königliche Damen führte. Dorthin konnten sie sich zurückziehen, wenn sie sich von den Folgen übermäßigen Essens und Trinkens zu erholen wünschten.
Jenna verriegelte die Tür hinter sich, lehnte sich dagegen und sah Septimus fassungslos an. Das Entlein bewegte sich, und Feuchtigkeit sickerte durch die Tasche ihres Gewands. Kein Zweifel, dachte sie, das Entlein war echt – und Septimus erstaunlicherweise auch.